Vitamin Q live (2)

Geschrieben von am 13. October 2007 in Live, Vitamin Q | Im Moment ein Kommentar.

Live gebloggt aus dem agora-Tagungshotel in Münster: Vitamin Q – der Tag zum Radio Q.

Autor: Dominik Osterholt

Podium 2: “Verändert das Web 2.0 den Journalismus?”

Auf dem Podium sitzen Prof. Christoph Neuberger vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster, Thomas Knüwer (Redakteur, Blogger und Podcaster beim Handelsblatt), Peter Stawowy (Geschäftsführer und Chefredakteur der Jugendzeitschrift SPIESSER) und Malte Müller (Mitarbeiter von “Was mit Medien” bei Radio Q). Moderiert wird die Runde von Britta Kleymann (Deutsche Welle, Bonn).

Die FAZ hat einst den Prototyp des Bloggers als “bärtigen Nerd” definiert. Stimmt das?

17:30 Thomas Knüwer kann sich über diese Definition und diesen konkreten Artikel nicht genug aufregen. Stereotype seien dies, die nicht zuträfen, das hätten nicht zuletzt Erhebungen gezeigt, und wer auf Blogger-Konferenzen wie der re:publica anwesend gewesen sei, hätte sich vor Ort vom Gegenteil überzeugen können.

17:36 Prof. Neuberger verweist auf die ARD/ZDF-Onlinestudie, nach der Blogger – gerade in Deutschland – eher ein Randphänomen darstellen. Thomas Knüwer hakt hier ein und verweist auf den deutschen Durchschnittsnutzer, der Weblogs aufgrund seiner medialen Inkompetenz Blogs gar nicht als solche erkennen kann – dadurch erführen Weblogs in Deutschland geringe Aufmerksamkeit.

17:43 “Der Journalismus verliert durch Blogs an Qualität” meint Peter Stawowy. Malte widerspricht und bezweifelt, dass die Mehrzahl der Blogger einen journalistischen Anspruch haben und fordert von Peter ein konkretes Beispiel. “Don Alphonso” etwa ist Peters Meinung nach kein Journalist. Heftiger Widerspruch von Thomas Knüwer: allein durch seine Reportagen (z. B. zum Thema StudiVZ) habe Don Alphonso gezeigt, dass auch er journalistischen Anspruch und entsprechende Recherchearbeit erfülle.

17:47 Peter Stawowy beschreibt den Einfluss von YouTube, online verfassten Schülerartikeln und anderem user-generated content beim SPIESSER (bzw. dessen Online-Ableger). Das werde genau beobachtet und nach Eignungsbewertung auch aktiv genutzt.

Prof. Neuberger ist der Meinung, dass es trotz der neuen partizipativen Möglichkeiten Menschen geben muss, die Kontrolle z. B. in Foren zu wahren. Im Internet seien außerdem die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt, Inhalte sinnvoll miteinander zu verknüpfen, während in klassischen Medien häufig eine Fragmentierung der Inhalte zu beobachten sei (z. B. ein Print-Leitartikel, der schnell wieder in der Versenkung verschwindet).

17:55 Thomas Knüwer warnt vor dem Universaljournalisten, der mit Laptop, Digital- und Videokamera unterwegs ist und Recherchearbeit, Verfassen von Printartikeln, Weblogeinträgen und Videos gleichzeitig verantwortlich ist – das könne rein zeitlich nicht klappen.

“Blogs leben von ihrer Subjektivität” meint Knüwer weiter, daher ergeben gegengelesene Blogs von Tageszeitungen keinen Sinn. Wer zu seinen Weblog-Redakteuren kein Vertrauen habe, solle das Projekt Weblog besser lassen.

18:10 Thema Privatsphäre im Internet: Malte zitiert einen provokanten Artikel aus dem New York Magazine, in dem vermutet wurde, dass ein aktueller Generation Gap vorläge, dessen älterer Teil nicht mehr nachvollziehen könne, wie selbstverständlich heutige junge Internetnutzer mit dem Netz als Lebensbestandteil umgehen. Beziehungsende heute nicht mehr per SMS, sondern per Statusänderung (in a relationship/single) im nächstbesten Social Network?

Prof. Neuberger glaubt nicht, dass durch Social Software eine neue Form der Kontaktfindung entsteht. Eher hätten etwa die jüngste Studie des IfK zum Thema StudiVZ ergeben, dass eher keine neuen Kontakte durch diese Netzwerke entstehen, sondern fast nur alte, im Real Life generierte Kontakte gepflegt werden.

18:13 Frage aus dem Publikum an Thomas Knüwer: Wenn die Web 2.0-Szene in Deutschland so unterentwickelt sei wie vorhin erwähnt, “was müssen wir noch tun?”. Knüwer meint, das Problem sei: die klassischen Medien seien dem Internet nach wie vor abgeneigt. Das Internet sei der Feind der klassischen Medien (Gefahren würden in den Vordergrund gestellt). Die Politik (Minister Glos wird zitiert: “Ich habe zum Glück Leute, die für mich das Internet bedienen”) ziehe auch nicht mit.

Prof. Neuberger meint, die Kultur der Meinungsvielfalt werde in den angelsächsischen Ländern – speziell nach dem 11. September – viel stärker gepflegt und dortig angesiedelte Blogs seien seit diesem Datum auch stärker politisiert. In diesen und auch anderen Ländern würden durch lebendige Bloggerszenen u. a. Lücken gefüllt, die durch nicht vorhandene bzw. qualitativ minderwertige Medien offen blieben. Auch besteht seiner Meinung nach die Möglichkeit, dass die hohe Qualität klassischer Medien in Deutschland einen solchen Bedarf bereits deckt.

18:33 Weblogs seien nur eine Funktion, sozialen Austausch zu pflegen, meint Malte. Man müsse immer beobachten, welches Ziel ein Weblog verfolgt – ein privat geführtes öffentliches Tagebuch habe sicherlich nicht den Anspruch, professionellen Journalismus zu betreiben.

Ein Einwand aus dem Publikum bezweifelt, dass die große Masse der Internetnutzer Blogs und andere Web 2.0-Angebote so eindeutig als solche zu identifizieren in der Lage sind. Daher stellten sich die hier aufgeworfenen Fragen – Diskrepanz zwischen professionellem Journalismus und Laientum – für die meisten Menschen gar nicht.

18:49 Knüwer: Die Relevanzfrage stellt sich nicht. “Da hat jemand ein schönes Hobby, so lasst sie doch”, meint er. Warum werden Blogs überhaupt so angefeindet? Gegenthese aus dem Publikum: “Im Gegensatz zu Taubenzüchtern maßen Blogger sich an, die Medien zu kritisieren.” Blogger sind die Kunden der klassischen Medien, so Knüwer, und kritisieren sie öffentlich.

In bilateralen Diskussionen bei der Abendgestaltung werden die Diskussionen sicher fortgeführt. Vielen Dank und bis zum nächsten Vitamin Q – dem Tag zum Radio.

1 Comment zu Vitamin Q live (2)

Von daniel fienes podcast » Blog Archive » Heute mit Vitamin Q am 15. October 2007 um 20:55

[…] Q – der Tag zum Radio” geholfen und fleißig am vergangenen Samstag mitgebloggt (hier und da). Ich konnte leider nicht da sein und ihn deswegen gefragt: Wie war es denn am Samstag, Dominik? […]

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